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Nach Pokemon wird Harry Potter real

Als mir meine Freundin Mitte 2016 mitteilte, sie würde jetzt auf die Jagd gehen, lächelte ich nur müde. Sie hatte doch gar keinen Jagdschein, geschweige denn entsprechende Waffen. Solche Missinterpretationen muss es zu diesem Zeitpunkt in vielen Haushalten gegeben haben.

Denn das Pokemon (Go-) Fieber drang auch in die entlegensten Winkel der Republik. Wer konnte ahnen, dass ein Smartphone, eine App und die modifizierte Variante eines alten Nintendo Spieleklassikers solch einen Boom auslösen würde?

Monster jagen in einer realen Welt

harry potterUnterschätzt wurden die kleinen Taschenmonster (Pocket Monster => Pokemons) schon bei ihrem ersten Auftritt auf der Videospielbühne. Nintendo bestückte den Handel gerade einmal mit 200.000 Exemplaren. Pokemon sollte laut Nintendo ein Nischenprodukt sein. Eine Anime Serie, ein Sammelkartenspiel, 20 Kinofilme und 200 Millionen Verkäufe später, sollte sich diese Annahme grundlegend ändern. Erst recht nicht 20 Jahre später. Alle künftigen Pokemon Generationen von Schöpfer Satoshi Tajiri in Kooperation mit der japanischen Produktionsfirma Game Freak Inc. würden ab jetzt als Verkaufsschlager gelten und entsprechend publiziert werden.

Es sei denn die Herausgeber einer neuen Pokemon Generation heißen Niantic. Die japanische Spielesoftwarefirma hat sich auf Smartphone Spiele spezialisiert. Im digitalen Zeitalter wird jetzt die heimische Spielkonsole gegen das Smartphone eingetauscht. Man lädt die gewünschte App (kostenpflichtig) herunter und hat die neusten Pokemons immer griffbereit zur Hand. Am Spielprinzip selbst hat sich rund 20 Jahre später nicht viel geändert. Du fängst Pokemons, trainierst sie und richtest sie irgendwann darauf ab, feindliche Monster anzugreifen.

Das dürfte eigentlich nur die bereits bekannte Fangemeinde ansprechen. Das Release von Pokemon Go zeigte das Gegenteil. Niantic, die mit Google zusammenarbeiten um den Datenverkehr für Pokemon Go zu bewältigen, räumten gerade einmal für das Worst Case Scenario die fünffache Datenmenge an Ressourcen ein. Tatsächlich erreicht wurde die fünfzigfache Menge. Die Folgen: Serverausfälle und Verbindungsprobleme zum Launch des neuen Pokemon Go.

In welcher (unwirklichen) Welt leben wir?

Wie konnte das passieren? Wenn der Kern des Spiels doch eigentlich erhalten geblieben ist? Anne Beuttenmüller, Marketingchefin für Europa beim Entwicklerstudio Niantic kennt die Antwort:

„Es geht darum, mit anderen zu spielen. Das Handyspiel ist Anlass, rauszugehen und andere Menschen zu treffen. Hunderte, ja sogar Tausende Spieler erleben gemeinsam Abenteuer.“

Verantwortlich für diese Entwicklung ist die sogenannte Augmented Reality. Das Neuartige an diesem Spiel sind die unbegrenzten technischen Raffinessen, die es möglich machen die fiktive und die reale Welt miteinander verschmelzen zu lassen. Die reale Umwelt ist jetzt Projektionsfläche für Computerfiguren. Es wird also garantiert nicht dabeibleiben, Pokemons an Bushaltestellen, in Parks oder an Bahnhöfen zu entdecken.

Bald soll Harry Potter ein bisschen Magie in unsere grauen Betonwüsten bringen, wenn es nach Niantic geht. Es wimmelt dann nur so von selbst ernannten Zauberlehrlingen, die auf einer Landkarte umherreisen, fremdartige Kreaturen zu Gesicht bekommen, Mitspieler treffen und verschiedene Missionen absolvieren. In diese Zauberei investiert Niantic kräftig. 200 Millionen US- Dollar stellt der Konzern für das geplante Release von Harry Potter, Wizard Unite, in der zweiten Jahreshälfte 2018 zur Verfügung.

Die Technik hinter der Zauberei ist nicht unerschöpflich

Wann Harry Potters Zauberlehrlinge und Pokemon Jäger die Schnittstelle zwischen realer und fiktiver Welt wieder verlassen, war bislang immer klar festgelegt. „Irgendwann bricht die Stromversorgung zusammen und befördert dich schlagartig zurück in das Hier und Jetzt!“ fassen Augmented Reality Spieler die Tatsache zusammen, dass der Einsatz von GPS bei diesen Spielen zu Akkuproblemen führt. „Es sieht auf jeden Fall so aus, als würde es den Akku massiv leer fressen“, sagt Informatiker Robert Hasse aus Dresden.

Aufatmen bedeutet das für manchen Kritiker, der die Spieler als Fremdkörper in der realen Welt betrachtet. „Ich bin immer sehr versunken in alles, was ich tue. Und das gilt auch für Ingress“, erzählt der 30-jährige Morka, bekannt als bester Ingress Spieler der Welt. Es muss komisch auf andere wirken, wenn wir seltsame Körperhaltungen annehmen um beispielsweise die GPS Position zu bestimmen.

Ingress ist als eines der ersten Spiele von Niantic mittlerweile ein Klassiker auf dem Markt. Echte Weltverbesserer und Widerstandskämpfer treffen bei Ingress aufeinander und kämpfen an Kirchen, Spielplätzen, Sehenswürdigkeiten, Museen und anderen öffentlichen Orten, um sichtbare Energien. Diese Portale, an denen die Energien zu finden sind, werden anhand ihrer eindeutigen GPS Position ermittelt. Erleuchtete und Widerstandkämpfer können mit ihren Teams nicht nur Portale erobern, sondern auch gegnerische Portale angreifen und für sich beanspruchen.

Blick durch die Brille: Die virtuelle Reisefreiheit

Solche Portale befinden sich auf der ganzen Welt. 7.992 km ist Morka bereits schon um den Erdball gereist und verdeutlicht damit eines. Das Gameplaying der Zukunft ist ein globales Ereignis. Die soziale Komponente und der Imagewechsel vom Zocker, der stundenlang daheim vor dem PC sitzt, setzen dabei neue Maßstäbe. Man muss nicht um die ganze Welt reisen, um den Spielspaß zu erleben. Eine Stadtführung kann auf diese Weise auch mehr als interessant sein. Bis der Mensch nämlich vollends mithilfe einer Augmented Reality Brille in die virtuelle Welt abtaucht, werden noch Jahre vergehen. Die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen. Microsoft hat mit der Projektion von Hologrammen durch die Hololens Brille einen Anfang gesetzt. Für fotorealistische Zaubertricks eines Harry Potter reicht das aber noch nicht.